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Erstmalig nahmen BSG-Mitglieder an einer Langstrecken-Radfahrt teil, letztlich als Folge des ausgefallenen Velothons und der Suche nach einer Ersatzveranstaltung. Die Wahl fiel auf die “Mecklenburger Seen Runde” am 25. Mai, mit Start und Ziel in Neubrandenburg. Die Strecke verläuft während ihrer 300 km in einem großzügigen Bogen um den Müritz See. Vorbild für dieses seit 2014 stattfindende Rennen ist die „Vätternrundan“, die Rundfahrt um den Vätternsee, in Schweden mit ebenfalls 300 km Länge. Dort sind die 20.000 Startplätze regelmäßig wenige Minuten nach Eröffnung der Anmeldung bereits vergeben – schneller als bei einem Rolling-Stones-Konzert.

Obwohl zahlenmäßig etwas überschaubarer, ist die „MSR 300“, wie sie sich abgekürzt auch nennt, mit 3.500 Teilnehmern keine kleine Veranstaltung – deshalb ist hier auch kein Massenstart möglich. Vielmehr erfolgt der Start in kleineren Gruppen, alle paar Minuten zwischen 20.00 und 22.00 Uhr freitagabends und zwischen 3.00 und 7.00 Uhr samstagmorgens. Für den größten Teil der Fahrer bedeutet das eine mehrstündige Nachtfahrt und glaubt man den Veröffentlichungen in einschlägigen Fachmagazinen, besteht genau darin ein großer Teil der Faszination. Viele berichten von den Glücksmomenten beim Fahren in die aufgehende Morgensonne. Für die drei teilnehmenden „Lwerker“ trat dieses Glück schon nach einer Stunde ein, da es nach ihrem Start zu unchristlicher Zeit um 3.50 Uhr bereits gegen 5.00 Uhr hell wurde.

Tatsächlich blieben am Ende der Suche nach Mitstreitern nur diese drei Wagemutigen oder Verrückte übrig, je nachdem, wen man fragt. Auch wenn es ein recht überschaubares Starterfeld wurde, hat die BSG dankenswerterweise trotzdem die Kosten für die Anmeldung übernommen. Im engeren Kreis der Interessenten waren ursprünglich sechs Sportler, von denen aber zwei berechtigte gesundheitliche Bedenken und einer einen unaufschiebbaren familiären Termin hatte. Das muss man akzeptieren – wir wollen schließlich weder Selbstmord begehen, noch den Radsport über alles andere stellen. Alle drei haben hart mit sich gerungen und werden bestimmt irgendwann doch noch bei einer vergleichbaren Veranstaltung mitmachen. Für die anderen Lwerk-Radsportler war weniger die lange Strecke, als vielmehr die langwierige intensive Vorbereitung darauf, das größte Hindernis. In der Tat kann man Strecken um 100 km eigentlich immer ohne großen Stress absolvieren: Aufsitzen. Fahren. Fertig! Da bleibt man topfit und hat noch Zeit für andere schöne Dinge.

Eine doppelte Portion Fahrrad-Virus ist daher unbedingte Voraussetzung für so lange Fahrten, wenn sie nicht zur Quälerei werden sollen. Die langen „Kanten“ sind so etwas wie eine eigene Radsport-Disziplin und fressen nicht nur Zeit auf dem Rad, sondern beherrschen einen großen Teil der Gedanken in der wachen Zeit und auch manchen Nachttraum. Aber wenn Träume Wirklichkeit werden sollen, dann muss man irgendwann daraus aufwachen. Am Schluss zumindest sehnt man dann nur noch den Startschuss herbei.

Dass man sich in den Tagen vor dem Rennen bei dem Gedanken erwischt, ein Samstag mit Bier, Chips und Sportschau wäre auch nett gewesen, gehört vermutlich genauso dazu wie die Vorstellung von einer gemeinsamen Fahrt über die Ziellinie. Positive Gefühle und lebenslange Erinnerungen wären der größte Lohn für so eine Unternehmung. Eigene Grenzen würden sich mal wieder verschieben und es würde einem eine ganze Weile über den grauen Alltag helfen. So war zumindest der Plan. Einmal Bier, Chips und Sportschau wären dann auch ohne schlechtes Gewissen drin.

Doch nun zurück in die Wirklichkeit und zum Rennen. Wir trafen uns am Freitag, dem 24. Mai, um 23 Uhr am Bahnhof Berlin Gesundbrunnen und fuhren mit dem Regionalzug nach Neubrandenburg, wo wir gegen 1.30 Uhr ankamen. Die Zeit im Zug wurde, soweit möglich, noch für ein kleines Schläfchen genutzt. Dort angekommen, traf uns der in den Wettervorhersagen angekündigte Temperatursturz dann doch unerwartet heftig. Von über 20° C auf knapp 6° C innerhalb eines Tages ist schon hart. Im Start- und Ziel-Areal waren wir dann tatsächlich die ersten Teilnehmer des Tages. Netterweise hat uns eine gut gelaunte Dame schon eine Stunde vor der offiziellen Eröffnung unsere Startunterlagen ausgehändigt. Eine kurze Begegnung mit Herrn Koepke, dem Veranstalter, gab es auch, und er hat sich sogar an diverse Telefonate mit „Lwerkern“ erinnert.

Die restliche Zeit bis zum Start wurde durch die üblichen Rituale überbrückt. Startnummern an Kleidung und Fahrrad befestigen, frühstücken, die Technik überprüfen, Gespräche mit den anderen Startern führen, die nach und nach eintrudelten. Den niedrigen Temperaturen geschuldet, haben wir uns mit allen verfügbaren Radklamotten ausgestattet und wurden dann um 3 Uhr 50 auf die Strecke geschickt. Bis an die Stadtgrenzen begleitete die Gruppe noch ein Polizeimotorrad. Von dort aus wurden wir in die Nacht entlassen. Orientieren konnte man sich entweder an größtenteils beleuchteten Richtungspfeilen oder, wie wir und fast alle anderen, mit GPS-Geräten. Auf längeren geraden Straßenabschnitten konnte man vor sich ein langes Band von Fahrradscheinwerfern durch die Dunkelheit tanzen sehen.

Außer den Antriebsgeräuschen der Rennräder und dem tiefen Atmen der Kollegen an Anstiegen waren nur Vogelstimmen zu hören. Allein dafür lohnte sich die Mühe schon. Autos waren so gut wie keine unterwegs. Warum auch an einem Samstag um 4.00 Uhr morgens auf ländlichen Strecken?

Rinder-, Schweine- und Geflügelzucht waren gut am Geruch zu unterscheiden, ergänzt von Silage- und Misthaufenaromen. Dazu kamen Kastanien- und letzte Rapsblüten-, Wald- und andere Düfte, völlig unverfälscht durch Abgase und einfach herrlich. Dieses Fest der Sinne führte auch dazu, dass wir viele Gruppen an uns vorbei fahren ließen, ohne uns in deren Windschatten zu klemmen, um Kraft zu sparen. Wir drei wollten lieber alleine weiter genießen.

Dies dauerte bis „Feldberg“, der ersten von insgesamt sieben Verpflegungsstationen nach 41 Kilometern. Hier, nun doch schon bei Helligkeit, waren heißer Kaffee und Tee, die großen Lebensspender, denn gefühlt blieben während des gesamten Tages die Temperaturen fast unverändert. Jede dieser Stationen hatte einen eigenen Charakter und eine andere Verpflegung, die von durchweg gut gelaunten Leuten zubereitet und gereicht wurden. Die Musik war auch je nach Standort verschieden und in Feldberg gab es links Schlager und rechts Heavy-Rock gleichzeitig und in der Mitte sogar Stereo.

Von nun an haben wir uns dann an vorbeifahrende Gruppen gehängt und echtes Renntempo zwischen 30 und 40 Sachen erreicht, bergab noch deutlich schneller. Die Landschaft flog nur so an uns vorbei, genauso wie Gesichter auf den allgegenwärtigen Plakaten für die Europawahl und die Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern am nächsten Tag. Es müssen Tausende gewesen sein. Das erfordert einiges an Konzentration, macht aber auch einen Riesenspaß.

Die Teilnehmer an Fahrten um 300 km sind in der Regel erfahrene Sportler und alle fuhren dementsprechend diszipliniert. Ich habe während der gesamten Fahrt keinen Sturz gesehen und wenige brenzlige Situationen erlebt. Circa alle 40 km kam eine Verpflegungsstation, die hier Depots genannt wurden und auch so durch Schilder angekündigt wurden. Vermutlich wollte man dadurch dem internationalen Charakter Rechnung tragen, denn es gab viele Gruppen aus dem Ausland.

Besonders gut blieben mir die Radler eines Fahrradclubs aus Estland in Erinnerung, die die Fahrt sichtlich genossen, bestens gelaunt und ausgestattet mit Material und Vereinstrikots waren und mindestens zu einem Drittel aus sehr sportlichen Damen bestanden. Insgesamt war der Frauenanteil erstaunlich hoch und keine Fahrerin vermittelte den Eindruck, sie sei nicht freiwillig hier oder nur Anhängsel eines sportverrückten Mannes. Die Damen arbeiteten gleichermaßen im Wind wie die Männer und fuhren genauso sicher und flott. Wer es noch nicht wusste: Männer sind gut in Ausdauersportarten – Frauen aber auch! Sie sollten nur öfter Gebrauch davon machen!

Viele Firmen-BSGs kamen in Mannschaftsstärke und nutzten die MSR anscheinend zu einem Betriebsausflug, darunter zum Beispiel das Rote Kreuz oder Webasto. Mit Abstand die größte Gruppe stellte die Deutsche Post, die sogar einen eigenen Song zum Event produziert und auf YouTube gestellt hat. Dazu kamen zahllose andere Firmen und Radclubs aus ganz Deutschland und Europa. Viele trugen auch ein von den Veranstaltern angebotenes MSR-Trikot. In der deutschen Radmarathon-Szene ist diese Veranstaltung inzwischen ganz klar so etwas wie der „Berlin Marathon“ für Läufer – einmal muss man dabei gewesen sein.

Viele nette Begegnungen und Details bleiben einem im Gedächtnis, wie etwa das Riesenfeuer auf der Wiese in „Schwarz“ (km 123), gerade recht um die durchgefrorenen Glieder zu wärmen. In „Röbel“ (km 154) gab es Nudeln mit Tomatensauce und Fleischklopsen. In „Nossentiner Hütte“ (km 193) saßen wir im Feuerwehrhaus und Teilnehmer mit einiger Erfahrung in diesem Rennen verrieten uns, dass in wenigen Kilometern der Wind, der uns bis dahin erheblich zu schaffen machte, endlich von hinten kommen würde, worauf man natürlich bei einem Rundkurs zu Recht hofft.

Überhaupt waren häufig Trikots von vorangegangenen MSR-Austragungen zu bewundern. Es gibt also eine hohe Anzahl von Wiederholungstätern. In „Alt Schönau“ (km 240) gab es als kulinarisches Highlight, den besten Obstsalat der Welt, dazu Essiggurken und Käsekuchen. Wer jetzt ein komisches Gefühl im Magen bekommt, dem sei gesagt: Nach 240 Kilometern hat sich das Geschmacksempfinden den Bedürfnissen der Radler angepasst. Stichwort: Energie und Mineralien. Bitterer Beigeschmack war hier eher die akustische Hölle in Form von Schlagermusik in Discolautstärke. Tröstlich war dann die Begegnung mit einem netten älteren Ehepaar, beide Mitglieder eines örtlichen Radclubs, das uns an einem Abzweig noch warmen Rhabarberkuchen und Kaffee angeboten hat.

In Mecklenburg gibt es viele freundliche Menschen und ein großer Teil davon stand als Helfer beim MSR stundenlang für die Radfahrer bereit. Zwischenzeitlich wurde man von zahlreichen Grüppchen mit Schildern, Trommeln, Anfeuerungsrufen und sogar La-Ola-Wellen angespornt. Soviel Herzenswärme tut gut, auch und besonders an frostigen Tagen. Diese Veranstaltung scheint von der Bevölkerung angenommen zu werden und man spürte den Respekt für unsere Leistung. Dafür gebührt allen unser aufrichtiger Dank.

In „Penzlin“ (km 279) dann ein letzter Halt. Hier ließ sich Jan eine beginnende Verkrampfung aus dem Oberschenkel herausmassieren. Auch andere Teilnehmer hatten Schwierigkeiten. Das stundenlange Sitzen und die Rennhaltung zwangen viele Radler zu gebeugter Haltung auch beim Gehen, was für Außenstehende bestimmt ein irritierender Anblick ist. Das Absteigen machte vielen große Mühe, auch wenn sie kurz vorher relativ elegant geradelt waren.

Aber es waren ja auch nur noch 25 Kilometer bis ins Ziel. Sie flogen wie nichts an uns vorbei. Wenige Meter vor dem Ziel kam man auf dem Uferweg des Tollensesees dem Wasser ganz nahe und so wurde der MSR seinem Namen doch noch gerecht, denn obwohl wir laut Karte an hunderten kleiner und mittlerer und einigen sehr großen Gewässern, wie der Müritz, vorbei gekommen sein mussten, haben wir diese selten gesehen. Meist erahnte man sie höchstens als kurzes Aufblitzen zwischen vorbeihuschenden Bäumen.

Gemeinsam über die Ziellinie zu fahren, stand von Anfang an fest und das haben wir dann auch so gemacht. Nach 10 Stunden und 47 Minuten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,2 km/h, waren die 300 und 5 Extra-Kilometer bewältigt und wir mächtig stolz auf uns.

Im Ziel herrschte eine riesige Volksfeststimmung mit entsprechenden Angeboten und entsprechender Lautstärke. Bratwurst, Bier und andere Genüsse aller Orte. Uns wäre eher nach mehr Beschaulichkeit gewesen, aber das bleibt bei über 3.000 aktiven Teilnehmern und vielen Schaulustigen ein frommer Wunsch. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges verging schnell und das Abteil war erfreulich leer. Für uns ein Segen, hatten wir doch bewusst auf einen Transport mit Auto verzichtet, denn wer sollte das nach fast 11 Stunden im Sattel steuern? Zeitlich wäre es auch kaum schneller gegangen, vom Umweltgedanken ganz zu schweigen.

Immer schön, wenn ein Plan funktioniert oder ein Traum in Erfüllung geht. Uns dreien hat es Spaß gemacht und wir können nicht anders als jeder und jedem empfehlen, selber etwas Ähnliches zu unternehmen. Verschafft euch positive Erinnerungen. Setzt euch aufs Rad und erkundet die Welt mit Muskelkraft, am besten in netter Gemeinschaft. Wir würden es wieder tun und Ihr solltet das auch. Noch einmal ein herzliches Dankeschön an die BSG für ihre Unterstützung.