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Schichtwechsel 2019: die BVG zu Gast im Lwerk

Am 24. Oktober 2019 war wieder der alljährliche „Schichtwechsel“. Für diejenigen, die nicht wissen, worum es geht, sei nur kurz gesagt: Beim Schichtwechsel tauschen immer ein/e Mitarbeiter*in des Lwerks bzw. einer anderen Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) und ein/e Arbeitnehmer*in vom allgemeinen Arbeitsmarkt ihre jeweiligen Arbeitsplätze.

Bei uns im Bereich Medien, Druck und Digitalisierung zu Gast war dieses Jahr Herr Timo Kerßenfischer. Der 44-Jährige ist Leiter der Abteilung Fahrgastinformation bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Im Lwerk wollte er sich im Rahmen des Schichtwechsels einen ersten Überblick über die Arbeit der Werkstätten für behinderte Menschen verschaffen, um so Möglichkeiten einer etwaigen Zusammenarbeit auszuloten. Wir wiederum nutzten die Gelegenheit, um uns von ihm einige interessante Informationen über die BVG und seine Arbeit geben zu lassen.

Was tun Sie bei der BVG und was hat das mit Barrierefreiheit zu tun?
Zusammen mit meinem Team kümmere ich mich darum, den öffentlichen Personennahverkehr für die Berlinerinnen und Berliner und für ihre Gäste aus aller Welt leicht nutzbar zu machen. Wir halten zum Beispiel unsere Liniennetzpläne aktuell und informieren über Bauarbeiten. Und wir denken darüber nach, wie wir mit neuen digitalen Medien die Informationsbedürfnisse unserer Fahrgäste bedienen können.

Was haben Sie da aktuell vor?
Wir wissen aus Untersuchungen, dass viele Fahrgäste sich an Haltestellen Anzeiger mit Echtzeitinformationen wünschen. Wir beschaffen derzeit 1000 weitere, gut lesbare Displays für Bus- und Straßenbahnhaltestellen sowie U-Bahnhöfe, mit denen wir über Abfahrten, Anschlüsse und Störungen informieren.

Und in den Fahrzeugen?
Alle neuen Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen erhalten schon seit einiger Zeit große Monitore. Wir legen besonderen Wert auf eine gute Lesbarkeit der Informationen, die auch in Absprache mit Behindertenverbänden verbessert wurde. So gibt es hohe Kontraste – das bedeutet hier: schwarze Schrift auf weißem Grund, möglichst große Schrift und große Weißräume zur besseren Strukturierung. So können auch Menschen mit geringerer Sehkraft die Hinweise ablesen.

Natürlich wird weiter an der flächendeckenden Verfügbarkeit von Aufzügen und Blindenleitstreifen gearbeitet. Über Aufzugsstörungen kann man sich als registrierte/r BVG-Internetnutzer*in auch per E-Mail benachrichtigen lassen oder über www.brokenlifts.org informieren.

Die BVG hat einen großen Feldversuch zur akustischen Fahrgastinformation gemacht. Wie geht es da weiter?

Ja, wir wollen das Zwei-Sinne-Prinzip möglichst überall umsetzen: Informationen sollen möglichst visuell und akustisch verfügbar sein. Wir haben zusammen mit Verbänden Möglichkeiten getestet, wie Blinde und Sehbehinderte ihren Bus leichter finden können, wenn an einer Haltestelle mehrere Linien verkehren. Ausprobiert haben wir die „sprechende Haltestelle“, das „sprechende Fahrzeug“ und Apps fürs Smartphone. Technisch sind alle Ansätze herausfordernd. Aktuell werten wir die Ergebnisse aus. Sobald die Finanzierung durch das Land Berlin steht, werden wir uns an die Umsetzung machen.

Was gibt es sonst Neues bei der BVG?

Die BVG im Wandel

Die BVG muss zurzeit viele neue Mitarbeiter*innen einstellen, weil eine große Anzahl von Beschäftigten aus Altersgründen den Betrieb verlässt. Das ermöglicht vielen Menschen, bei der BVG einen sicheren, attraktiven Arbeitsplatz zu finden. Gleichzeitig verändert sich das Unternehmen in interessante Richtungen:

Fahren wir bald in automatischen Bussen?

Auch bei der BVG gibt es Versuche mit autonomen bzw. hochautomatisierten Fahrzeugen. So fuhr bereits von August 2019 bis Januar 2020 ein autonom fahrender Elektrobus auf der Strecke zwischen dem U-6-Endbahnhof Alt-Tegel und der Uferpromenade des Tegeler Sees, das allerdings – auch aus rechtlichen Gründen – immer mit einem menschlichen Begleiter. Die Höchstgeschwindigkeit betrug eher gemütliche 15 km/h. Die Fahrgäste auf dieser Verbindung, der sogenannten „See-Meile“ benötigten keinen Fahrschein. Auch auf den Geländen der Charité in Mitte und am Virchow-Klinikum kann man gemeinsam mit der BVG das hochautomatisierte Fahren erproben.

Preiswerte Sammeltaxis schonen die Umwelt

Auch der individualisierte öffentliche Personennahverkehr ist ein Thema, das von der BVG angegangen wird. So gibt es aktuell das Angebot „BerlKönig“, ein Ride-Sharing-Projekt, das man mit der BerlKönig-App nutzen kann. Im Gebiet innerhalb des östlichen Teils des Berliner S-Bahnrings zwischen Ostkreuz und Berlin-Mitte kann man eines von mehreren hundert Fahrzeugen buchen. Man erkennt die Fahrzeuge an einem großen gelben BVG-Herz vorne und dem bekannten Sitz-Muster-Design hinten. Gebucht wird per Handy.

Die Fahrtstrecke wird Computer-gesteuert laufend so optimiert, dass bis zu sechs Fahrgäste – auch barrierefrei – mit individuellem Ein- und Ausstieg auf möglichst kurzem Wege mit einem einzigen Fahrzeug transportiert werden können. Das Projekt hatte bisher schon über eine Million Kunden.

Der Fahrpreis liegt grundsätzlich bei 1,50 Euro pro km. Unabhängig von den gefahrenen Kilometern ist jedoch ein Mindestpreis von 4,00 Euro zu zahlen. Mit diesen 4,00 Euro Mindestpreis hat man allerdings auch schon für eine Fahrtstrecke von gut 2,5 Kilometer bezahlt. Bucht ein Fahrgast gleichzeitig eine Fahrt für mehrere Personen, beträgt der Preis pro Mitfahrer*in nur die Hälfte des üblichen Fahrpreises. Der Fahrpreis wird bereits bei der Buchung mitgeteilt und ändert sich dann auch nicht mehr.

Ähnliche Projekte gibt es mittlerweile weltweit.

Bequemer öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) bald auch fürs Umland?

Seit August 2019 testet die BVG mit staatlicher Förderung den Dienst „BerlKönig BC“. Dabei pendeln Kleinbusse zwischen dem U-Bahnhof Rudow und dem brandenburgischen Schulzendorf und verbinden so das Umland mit dem City-ÖPNV. Es gibt keinen Fahrplan, sondern die Busse fahren nach Vorbestellung mit der BVG-App zwischen 5 und 9 Uhr sowie zwischen 14 und 20 Uhr. Es genügt eine Fahrkarte für die Tarifgebiete B und C sowie die Zahlung einer Schutzgebühr von 0,50 Euro. Fahrten innerhalb von Schulzendorf oder Zeuthen sind nicht möglich, entweder Start oder Ziel muss jeweils der U-Bahnhof Rudow sein. Die Fahrgäste im Umland werden allerdings auf einer Computer-optimierten Streckenführung individuell aufgenommen.

BVG, Busse und alternative Antriebe

Noch eine interessante Neuigkeit zum Schluss: Die Berliner Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Frau Regine Günther, strebt für die Busse der BVG in Zukunft eine weitgehende Elektrifizierung an. So sollen elektrische Busse mit Akkus verwendet werden, perspektivisch vielleicht auch solche, die während der Fahrt an geeigneten Passagen über eine Oberleitung aufgeladen werden können und dann an nicht elektrifizierten Streckenabschnitten die eigene Energieversorgung übernehmen – man darf gespannt sein.

Wir danken Herrn Kerßenfischer für die freundliche Auskunft und wünschen ihm weiterhin viel Erfolg bei seiner wichtigen Arbeit.

Ihr / Euer Redaktionsteam